Volker C. Dützer
 

Connys Schreib-Blog

Noch gleicht diese Rubrik dem Anfang eines Romans, nämlich einer leeren Seite mit einem blinkenden Cursor. Doch das soll sich bald ändern. Für alle, die interessiert, wie ein Buch entsteht, werde ich an dieser Stelle in unregelmäßiger Reihenfolge Einblicke in das "Auf die leere Seite starren" und das verzweifelte "In-der-Nase-Bohren" eines Ghostwriters gewähren.




23.02.2019

Wie "Das Ambrosia-Experiment" entstand ...

Oft schießen mir Ideen für neue Romane durch den Kopf, die zuerst noch sehr verschwommen und undeutlich sind. Das kann eine Anfangsszene sein, ein packender Showdown oder einfach nur die Vorstellung von einer Figur, die mich nicht mehr loslässt. Ganz gleich, wie verrückt oder seltsam eine Idee mir beim zweiten Blick erscheint, halte ich sie trotzdem fest. Der Turm aus Schreibkladden (ich bin immer noch nicht dazu gekommen, alle Einfälle zu sichten und zu ordnen,) wächst beständig.

Beim Durchblättern dieser Ideenkladden passiert dann manchmal etwas geradezu Magisches: Auf wundersame Weise geht eine Idee mit einer anderen eine Art chemische Reaktion ein, und es entsteht etwas Neues, Elektrisierendes. Oft wird dann das, was unbewusst hinter einer einzelnen Idee steckt, erst richtig sichtbar. So war es auch beim „Ambrosia-Experiment“.

Von Anfang an drehte sich alles um Jule Rahn. Es gibt eine Menge Filme und Romane, die auf einer ähnlichen Idee beruhen wie Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“. Jemand beobachtet einen Mord, aber aus irgendeinem Grund glaubt ihm niemand und er gerät durch eigene Nachforschungen in Gefahr. Diese arg strapazierte Thrilleridee habe ich auch benutzt. Da war diese Figur in meinem Kopf, Jule Rahn. Obwohl sie inmitten einer großen Stadt lebt, ist sie sehr einsam. Da gute Romanfiguren extrem sein sollen, reichte mir das nicht. Jule ist nicht nur einsam, sie steckt auch voll Selbstunsicherheit und schrecklichen Ängsten. Sie ist neurotisch, kompliziert und ziemlich schräg. Gleichzeitig wünscht sie sich nichts mehr, als so normal zu sein wie andere Menschen. Sie seht sich nach Liebe, nach einem Du. Aber sie weiß, so verrückt, wie sie ist, hat sie kaum eine Chance, einen Mann kennenzulernen. Aufgrund der furchtbaren Dinge, die sie erlebt hat, steckt sie in einem Teufelskreis aus Angst und Einsamkeit. Ihre Ängste sind so übermächtig, dass sie sich nicht mehr aus ihrer Wohnung traut. Wenn sie es doch tut, dann nur auf zuvor festgelegten Routen, von denen sie niemals abweicht. Sie flüchtet sich in einen übersteigerten Ordnungssinn und in Rituale, die einem Phileas Fogg - der berühmten Figur von Jules Verne - alle Ehre machen würden. Ich war sicher, dass meine Leser Jule vom ersten Moment an ins Herz schließen würden, denn trotz ihrer Ängste besitzt sie ein Kämpferherz.

Ich wollte nun, dass am Anfang des Romans, nachdem man Jules Schrullen kennengelernt hat, sehr schnell etwas passiert, das sie zwingt, aus ihrem streng geregelten Tagesablauf auszubrechen – natürlich ein extremes Ereignis.

Ich spielte mit verschiedenen Ideen herum. In einer der ersten Versionen sollte Jule einen Mord beobachten und ihn der Polizei melden. In der Nachbarwohnung geschehen seltsame Dinge, und Jule wendet sich an die Polizei. Was nun passiert, überfordert sie völlig: Ein hartgesottener Mordermittler quartiert sich in ihrer Wohnung ein, um das Haus gegenüber zu observieren. Die beiden müssen miteinander klarkommen, ob sie wollen oder nicht, und verändern einander im Lauf der Handlung. Leider fand die Idee später im Roman keinen Platz mehr; übrig blieb nur der Eisenbahnwaggon, in dem Prinz haust; und in dem er Jule in Sicherheit bringt. (Die Idee zu diesem Waggon und Kalupkas Schrottplatz stammt aus einem anderen Roman, der noch halb fertig in meiner Schublade liegt, und es wohl auch bleiben wird. Darin ging es um Zeitreisen. Der Eisenbahnwaggon geht wohl auf ein Buch zurück, das ich mal gelesen habe, und in dem Einsteins Relativitätstheorie mithilfe eines Eisenbahnzugs erklärt wird. Man merke - alles bleibt irgendwie im Kopf eines Autors hängen und wird verarbeitet.)

Ich entschied mich dann dafür, dass Jule zu Beginn der Geschichte mit ihren selbst auferlegten Regeln bricht und prompt in einen fürchterlichen Schlamassel gerät. Sie stört einen Profikiller bei der Arbeit – eine ziemlich üble Geschichte. Und sie ist der Anlass dafür, dass Jule nicht so weitermachen kann wie bisher. Sie ist gezwungen zu handeln und bekommt ausreichend Gelegenheit, über sich selbst hinauszuwachsen. A star was born! Jule ist meine Lieblingsfigur. Ich mag sie mehr als alle anderen Charaktere, die ich mir je ausgedacht habe.

Um einen Roman zu schreiben, braucht man nicht nur eine Idee, sondern hunderte. Vor einigen Jahren hatte ich einen Roman mit dem Titel „Das Methusalem-Gen“ begonnen. (Den ich aber nie zu Ende geschrieben habe.) Darin ging es um eine Reihe von Kindern, die verschwunden waren, und die allesamt tödliche Krankheiten überlebt hatten. Ich griff diese Idee wieder auf, und diesmal machte ich aus den Kindern alte Menschen. Nicht nur Jule ist einsam, auch ihre Nachbarn sind es – alte Leute, die keine Familie und keine Freunde mehr haben. Sie sind die Einzigen, zu denen Jule Kontakt pflegt. Und plötzlich verschwinden in Jules Umgebung alte Menschen – ihre einzigen Freunde! Jule bleibt keine Wahl, sie MUSS herausfinden, was mit ihnen geschieht. Doch dazu muss sie ihre Angst überwinden; einen größeren Kampf kann es nicht geben.

„Das Methusalem-Gen“ war als moderner Vampir-Roman geplant, und das gilt auch für „Das Ambrosia-Experiment“. Wer das Buch noch nicht gelesen hat, sollte jetzt besser die nächsten Abschnitte überlesen.

Oft ist in den Medien vom Raubtierkapitalismus die Rede, und von Blutsaugern – im finanziellen Sinn. Das Kostbarste, was ein Mensch besitzt, ist sein Leben. Es ist mehr wert als alles Geld der Welt. Denn wenn er sterben muss, nutzt ihm sein Reichtum nichts mehr. Da ist sie wieder, die „Was wäre wenn-Frage“. Was wäre, wenn es eine Möglichkeit gäbe, den Alterungsprozess zu stoppen oder wenigstens zu verlangsamen? Wie weit würden Menschen gehen, um ihr eigenes Leben verlängern zu können? Man braucht wohl nicht lange darüber nachzudenken – vermutlich sehr weit. Wahrscheinlich würden die meisten über Leichen gehen. In ähnlicher Form habe ich diese Frage auch in „Jenseits der Nacht“ gestellt – wenn auch eine ganze andere Geschichte dabei herauskam.

Weltweit wird mit Hochdruck an dem Geheimnis des Alterns geforscht. Konzerne wie Google beschäftigen im Silicon-Valley die besten Genetiker und Biologen, um dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, und geben Millionen von Dollar aus. Was wäre nun, wenn ausgerechnet jene Gruppe der Bevölkerung, die im modernen Turbokapitalismus so gut wie keinen Wert mehr darstellt, den Schlüssel zu einem ultralangem Leben in der Hand hielte? Aber lesen Sie selbst …















18.01.2019

Mit meinem Schreib-Blog scheint es mir zu gehen wie mit dem berühmten Speicher, den man immer schon mal aufräumen wollte - oder wie mit dem 1. Januar, dem Stichtag aller "Diesmal-werde-ich-abnehmen-Willigen" (zu denen ich auch gehöre): Zwei Wochen später stellt man fest, dass es wieder mal bei Vorsätzen geblieben ist.

Zu meiner Entschuldigung sei angemerkt, dass die vergangenen Monate allerdings auch mit sehr viel harter schriftstellerischer Arbeit angefüllt waren. In kurzer Abfolge erscheinen nun zwei neue Thriller; das bedeutete zweimal intensive Lektoratsarbeit. Im Mai des letzten Jahres habe ich außerdem einen weiteren Roman in Angriff genommen, der mir wider Erwarten leicht und schnell aus der Feder floss; dennoch blieb für den Blog einfach keine Zeit.

Der erste der beiden Thriller mit dem Titel "Jenseits der Nacht" ist bei Digital-Publishers erschienen und wird noch bis zum 5. Februar exklusiv bei Thalia als eBook angeboten. Es ist einer der Romane, von denen ich dachte, das Schreiben würde mir leicht fallen, aber das Gegenteil war der Fall. Im Nachhinein liebt man diese Bücher ein bisschen mehr als andere - vielleicht, weil sie so etwas wie Sorgenkinder sind, die mehr Liebe und Aufmerksamkeit brauchen als die braven Plagen. Es war zudem eine heilsame Lehre, dass man als Autor niemals glauben sollte, nach fünfzehn Romanen laufe alles eh wie geschmiert.

Bevor ich eine neue Geschichte beginne, hole ich meine Notizhefte und Schreibkladden hervor. Wenn man sie übereinanderlegt, erreicht der Stapel eine stattliche Höhe und endet ungefähr auf Höhe der Schreibtischplatte. Immer wieder nehme ich mir vor, die vielen Ideen und Kritzeleien mal in eine sinnvolle Ordnung zu bringen, aber damit geht es mir wie mit dem oben erwähnten Speicher. Es kommt immer etwas dazwischen.

Vielleicht interessiert den ein oder anderen Leser die Entstehungsgeschichte eines Romans. Hier kommt also die schwierige Geburt von "Jenseits der Nacht".

Ich ging also den Stapel Heft für Heft durch auf der Suche nach einem Einfall, der mich zu einer Geschichte führen würde. Es gibt eine ganze Reihe von kurzen Plots, über die ich beim Blättern immer wieder mal stolpere, die ich aber nie umgesetzt habe. Einer dieser Plots war "Stromschnellen".

Grob umrissen hatte ich mir folgendes ausgedacht: Lisa Wegener (die damals noch Julia Brendel hieß) erwacht in einem Krankenhaus und kann sich an nichts erinnern. Neben ihrem Bett sitzt ein Mann, der behauptet, ihr Ehemann zu sein. Er nimmt sie mit in sein Haus, das in einem abgelegenen Bergdorf in der Nähe eines reißenden Flusses steht. (Aus unerfindlichen Gründen wollte ich einen Showdown auf dem Fluss haben, daher der Arbeitstitel "Stromschnellen".)  Im Laufe der Handlung begreift Lisa, dass mit dem Typ etwas nicht stimmt. Nach und nach findet sie heraus, was mit ihr geschehen ist und gerät in große Gefahr.

An und für sich kein schlechter Plot, aber er hat einen gravierenden Haken: Diese Geschichte wurde in ähnlicher Form schon tausendmal erzählt. Dutzend Romane dürften auf diese Weise anfangen. Nicht besonders originell, was?

Trotzdem hielt ich an der Idee fest. Im ersten Entwurf sollte der Kerl in dem einsamen Haus ein Psychopath sein, der Lisa gefangenhält, aber auch das verwarf ich als nicht besonders einfallsreich. Als Nächstes beschäftigte ich mich erst einmal mit dem sogenannten "Plot hinter dem Plot", andere nennen es auch den Plan des Schurken. Um die Sache möglichst trickreich zu gestalten, überlegte ich mir Folgendes: Was wäre, wenn Lisa zusammen mit ihrem Liebhaber (eben dem Typ, der sich als ihr Mann ausgibt) ihren Mann ermordet hat? Aber sie kommt mit der Tat nicht klar und beschließt, zur Polizei zu gehen und alles zu gestehen. Das kann ihr Liebhaber natürlich nicht zulassen. Es kommt zum Streit, in dessen Folge ein Unglück geschieht. Lisa stürzt in den eiskalten Gebirgsfluss, wird unter das Eis gezogen und stirbt beinahe. Sie verliert ihr Gedächtnis. Ihr Liebhaber nimmt sie mit in das einsame Haus und muss nur dafür sorgen, dass sie mit niemandem Kontakt aufnehmen kann, da sie sich sonst vielleicht erinnert. Dann taucht in dem abgelegenen Dorf ein Mordermittler auf ...

Schon besser, oder? Mir gefiel die Idee so gut, dass ich Feuer gefangen hatte. Ich arbeitete den Mord und das spätere Unglück in allen Details aus und schickte meiner Agentin ein Exposé. (Das mache ich immer. Anschließend diskutieren wir ein bisschen, ändern Dinge oder auch nicht, und dann lege ich los.) Aber diesmal tauchte ein Argument auf, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Zu dem Zeitpunkt, als ich den Roman beginnen wollte, wurde der Thriller-Buchmarkt von Manuskripten überschwemmt, in denen die Hauptfigur das Gedächtnis verloren hat. Als ich vor vielen Jahren mit dem Schreiben begann, brauchte ich mir über solche  Dinge nicht den Kopf zu zerbrechen. Heute sieht das anders aus. Natürlich möchte ich als Autor meine Eigenständigkeit wahren und meinen eigenen Stil kreieren, aber ich unterliege auch gewissen Zwängen des Marktes. Schließlich möchte ich auch etwas verkaufen. Also schien "Stromschnellen" gestorben zu sein. Oder doch nicht?

Ich schob alles zur Seite und beschäftigte mich noch einmal mit dem Mord, der die Ereignisse auslösen sollte. Durch Zufall las ich zur selben Zeit etwas über Kryonik. Ich war überrascht, wie viele Leute sich nach ihrem Tod einfrieren lassen, in der Hoffnung, eines Tages wieder zum Leben erweckt zu werden. Da ich solche abgefahrenen Ideen liebe, baute ich sie in den Plot ein. Vincent van Dyck war geboren - ein wunderbarer Psychopath und Erzschurke, der Lisa das Leben schwer machen sollte. Seine krankhafte Angst, vorzeitig aus dem Leben zu scheiden, formt ihn zu einem wahnhaften Hypochonder, einem kontrollsüchtigen Freak, der Lisa nur aus einem Grund an sich bindet: Er will ständig und ununterbrochen eine Ärztin an seiner Seite wissen. Außerdem war ich überrascht, wie weit die Forschung in Sachen Kryonik inzwischen ist. Konzerne wie Google und Amazon investieren ungeheure Summen in die Suche nach Möglichkeiten, das Leben zu verlängern - ein Thema, dass in "Das Ambrosia-Experiment" eingehender beleuchtet wird.

Da ich von der Idee, dass Lisa ihr Gedächtnis verloren hat, abgerückt war, tauchte die Überlegung auf, den Roman chronologisch zu erzählen. Und das tat ich dann auch. Ich begann mit der Szene, in der Lisa einsieht, dass sie van Dyck verlassen muss, weil er sie sonst in seinem unheimlichen Haus einsperren wird. Hier sieht man schön, dass ursprüngliche Ideen einfließen, allerdings in veränderter Form. Das besondere Haus taucht auf, van Dyck hält Lisa wie eine Gefangene. (Die Idee mit dem Gebirgsfluss ließ ich nach einigen Versuchen fallen. Ich suchte nach Schauplätzen in Deutschland, die dazu passten, und fand auch welche. Aber ich konnte nicht glaubhaft darüber schreiben, weil ich niemals dort gewesen war. Also verlegte ich die Handlung in meine Heimat, den Westerwald.)

Ich schrieb etwa 100 Seiten und merkte irgendwann, dass es nicht gut lief. Ich war unzufrieden und wusste nicht, warum. Ich nahm mir den Anfang nochmal vor und stellte fest, dass ich einen Anfängerfehler begangen hatte. Die Szene in dem seltsamen, würfelförmigen Haus, in dem in einer schwülen Gewitternacht der Strom ausfällt, hatte zwar jede Menge Atmosphäre, aber es passierte eigentlich nicht viel. Dann taucht plötzlich van Dyck auf, den der Leser noch gar nicht kennt, und entpuppt sich sofort als Psychopath. Mir wurde klar, dass ich noch viel weiter vorne anfangen musste. Damit diese Szene nachvollziehbar war, musste der Leser wissen, wie es überhaupt zu dieser Situation gekommen war. Ich hatte mal wieder nicht die Hausaufgaben gemacht und mich zu wenig mit meinen Figuren beschäftigt.

Der neuer Romananfang gelang mir dann auch sehr viel besser. Ich hatte eine toughe Heldin, die in ihrer Selbstüberschätzung voller Hybris den Tod eines Menschen verursacht und tief fällt - in van Dycks psychophatische Arme. Im ersten Entwurf war das Opfer noch ein Junge, der im OP stirbt, weil Lisa übermüdet ist. Aber dann fiel mir die Sache mit dem Autounfall ein und es begann wieder besser zu laufen - bis zu dem Moment, in dem Jan Wolzow auftritt.

Natürlich brauchte ich einen Ermittler. Es gibt sehr unterschiedliche Helden dieser Gattung, von Miss Marple bis Schimanski. Mir waren schon immer die Raubeine am liebsten, als machte ich auch aus Wolzow einen eigensinnigen Einzelgänger. (Die Idee, dass er ruhelos auf der Suche nach dem Mörder seiner Frau umherstreift, kam mir übrigens erst sehr spät. Ich musste im Nachhinein noch einige Szenen ändern, damit alles passte. So geht es eben meistens.)

Ich kramte also noch einmal in meinen Notizen und stieß auf einen Typ namens Calum Namara - ein Mordermittler, der ein ziemliches Problem hat. Er wacht an den seltsamsten Plätzen auf; unter anderem in der Garage mit seiner Dienstwaffe im Mund, oder neben seiner Frau, die er offenbar erschossen hat. (Ideen, die ich später in "Der Schacht" und "Freier Fall" verwendete, denn den Roman um Calum Namara habe ich nie beendet.) Ich änderte den Namen in Jan Wolzow und hatte meinen Ermittler.

In der ursprünglichen Fassung muss Wolzow in seiner ersten Szene zwei Teenies retten, die vom Limburger Dom springen wollen. Er versaut es und hat ein Riesenproblem. Die Szene flog dann später raus, weil sie nicht zum Rest der Geschichte passte und auch nicht nötig war. Auf meiner Festplatte schlummern Dutzende solcher verworfenen Szenen. Von "Nexx-Die Spur" habe ich etwa 200 Seiten neu geschrieben.

Nach und nach entwickelten Lisa und Wolzow ein Eigenleben. Wenn das geschieht, kann ich sicher sein, auf der richtigen Spur zu sein. Die ursprüngliche Idee von dem Unglück in dem zugefrorenen Gebirgsbach ließ sich dann auch noch in veränderter Form umsetzen. Sie entwickelte sich zum Showdown. Verrückterweise endet "Jenseits der Nacht" (die Idee zum Titel kam mir erst ganz zum Schluss) genau dort, wo der Roman eigentlich beginnen sollte: In einem Krankenhaus. Mehr verrate ich natürlich noch nicht.

Man sieht also, dass der Weg zu einer endgültigen Fassung weit und voller Umwege ist. Wie der Roman "Das Ambrosia-Experiment" entstand, darüber berichte demnächst. (Wenn ich den Speicher aufgeräumt habe.)

Ich wünsche allen Lesern viel Spaß mit "Jenseits der Nacht."




05.12. 2018

Wenn ich nicht immer so huddeln würde, und nicht ein unüberschaubares Gewirr aus Zetteln, Notizbüchern und Dateien hätte, wüsste ich auch sofort, wie Lisa dem Mörder auf die Spur kommt. Es gibt kaum etwas Ärgerlicheres, als Ideen, die man auch noch festgehalten hat, nicht mehr wieder zu finden.


12.01.2018

Etwa ein halbes Jahr lang habe ich nun am neuen Manuskript mit dem Arbeitstitel "Jenseits der Nacht" geschrieben. Die letzten Kapitel ziemlich lustlos, was viele überraschen wird, mich übrigens auch. Eigentlich bereitet mir der Schluss eines Romans erfahrungsgemäß die wenigsten Probleme und den meisten Spaß. Es ist nun klar, wohin die Reise geht, was aus den Figuren wird und wie die Geschichte enden soll. Doch diesmal beschlich mich nach zwei Dritteln der Handlung das Gefühl, das irgendetwas nicht stimmt. Das passiert schon mal, und ich habe gelernt, mich dadurch nicht beunruhigen zu lassen. Doch diesmal ließ sich das Gefühl nicht vertreiben. Ich war nahe dran, das verdammte Ding in die Tonne wandern zu lassen, was wiederum ein "Nein! Tu das nicht! Das wolltest du bei ,Nexx-Die Spur' auch!" meiner Agentin zur Folge hatte.

Stimmt, ,Nexx' landete zweimal im Papierkorb. Es ist der einzige Roman, zu dem ich keine handschriftlichen Aufzeichnungen mehr besitze, weil ich so frustriert war, dass ich an einem Samstagmorgen nicht nur das unfertige Manuskript von meiner Festplatte löschte, sondern auch alle Notizen in die grüne Tonne im Hof pfefferte. Da ich es aber nie dabei belassen kann, Dinge nicht zu Ende zu bringen - egal, was dabei herauskommt - holte ich Nexx wieder aus dem Abfalleimer, schrieb die eine Hälfte neu und die andere um, und landete meinen bisher größten Erfolg. Also blieb ich auch diesmal dran ... aber das neue Manuskript fühlt sich immer noch an wie eine Katze, die nicht gestreichelt werden will - widerspenstig und jederzeit bereit, mir die Hände zu zerkratzen.

Bis gestern also erschien mir die Arbeit an "Jenseits der Nacht" nicht nur wie das planlose Herumwühlen in einer riesigen Kiste mit Legosteinen - das ist relativ normal, ich kann's nicht anders. Inzwischen aber hatte ich die Steine zu einem wackeligen literarischen Eifelturm zusammengebaut, und zwei seiner vier Säulen drohten einzustürzen. Und ich wusste einfach nicht, warum.

In solch hartnäckigen Fällen helfen zwei Sachen: 1. Liegenlassen. 2. Sich einen Testleser suchen.

Möglichkeit Nr. 1 scheidet bei mir in der Regel aus, weil Geduld nicht zu meinen Talenten gehört.

Also blieb nur Möglichkeit Nr. 2.

Ich brach also die Überabeitung 100 Seiten vor dem erlösenden Wort "ENDE" ab und schickte das Manuskript meiner Agentin. Und dann passierte etwas sehr Merkwürdiges .(Das passiert offenbar jedes Mal, wenn ich dir unfertige Sachen schicke, liebe Anna, warum das so ist, weiß ich nicht.) Die wenigen Anmerkungen, die noch nicht mal am Kern des Problems kratzten, erwiesen sich wieder mal als Brechstange, um mein vernageltes Kreativitätszentrum aufzuhebeln.

James N. Frey, der "Schreibdoktor", dessen Tipps ich sehr schätze, sagte mal sinngemäß: "Mann muss lernen, den Traum noch einmal zu träumen."

Das bedeutet, die geniale Grundidee zu einem Roman auch dann noch so umzusetzen, wenn sie vom Befingern, Drücken und Kneten ein bisschen abgegriffen ist. Mir wurde klar, dass ich mal wieder meinen alten Fehler wiederholt habe (der in meinen Augen ein typischer Anfängerfehler ist - was mir eigentlich nicht mehr passieren sollte), nämlich mit einem unheimlichen, mysteriösen Start eine Menge Atmosphäre zu erzeugen, in dem aber ansonsten nichts von Belang passiert. Weil ich das instinktiv spürte, begann ich, die Abschnitte wieder und wieder umzustellen und zusammenzukleben. Irgendwann war ich dann so "betriebsblind", dass ich den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sah. Dabei lag die Lösung zum Greifen nah: Es sind die beiden Kapitel, die ich bereits geschrieben, aber verworfen hatte! Und plötzlich lösen sich sämtliche Probleme von Plot und Motivation der Figuren auf wundersame Weise auf.

Ich glaube, von "Nexx-Die Spur" existieren in den Tiefen meines Computer mehr als vier verschiedene Romananfänge. Da bin ich diesmal noch gut weggekommen. ;-)

Also: Deckel auf, etwa 100 Seiten in die Tonne und tippen, was das Zeug hält.


Das "Herumschleichen" um die Tastatur.

Dieses Herumschleichen setze ich gleich mit der berühmt-berüchtigten Angst des Torwarts vor dem Elfmeter ... oder des Autors vor dem leeren Blatt. Ich kenne diese Angst und habe sie oft genug überwunden. Aber sie kommt - genau wie meine Muse - immer wieder zurück. (Die beiden scheinen sich zu kennen. Manchmal habe ich den Eindruck, sie sitzen oben auf der Kante des Bildschirms, lassen die Beine baumeln, saufen Tequila und lachen sich über meine Versuche, unverbrauchte Sätze zu tippen, kaputt.)

Was macht man in so einem Fall?

Ich schalte den Rechner ein, warte eine halbe Ewigkeit, bis die alte Kiste hochgefahren ist, und gehe in der Zwischenzeit die Notizen durch, die ich gestern vor dem Schlafengehen gemacht habe. (Die besten Ideen habe ich oft kurz vor dem Schlafen, keine Ahnung, warum das so ist.)

Heute habe ich den Vorsatz, endlich wieder "richtig" an dem vertrackten Manuskript zu arbeiten. (Fortan kurz MS genannt.) DIe Finger schweben über der Tastatur, der Kopf ist leer wie eine hohle Nuss und die Muse sitzt auf dem Bildschirm und grinst sich eins. Mal sehen, was auf facebook los ist.

Das dauert etwa eine Viertelstunde, es ist jetzt kurz vor zehn. Jetzt wird's Zeit, endlich anzufangen, also gehe ich nochmal die Kritzeleien von gestern durch. Irgendwie hat sich das mal besser angefühlt. Aber da läuft ja noch die Leserund auf Lovelybooks, ich schaue schnell mal rein, ob jemand etwas Neues gepostet hat - man muss sich um seine Fans kümmern. Anschließend noch das Amazon-Ranking gecheckt und die Clicks ausgerechnet, die ich seit gestern auf meiner Homepage dazugekommen sind. Beides erweist sich nicht unbedingt als Motivationshilfe.

Inzwischen ist es halb elf, ich habe noch keine Zeile geschrieben. Ein fehlendes Komma ergänzt - immerhin.